Eltern sind toll. Ohne (gute) Eltern gäbe es keine glücklichen Kinder. Eltern machen so viel, damit es ihren Sprösslingen (so nannte eine meiner Schülerinnen im Pädagogik-LK „Kinder“ – furchtbar, noch fruchtbarer als „Kids“) gut geht.

Manche Eltern tun aber auch zu viel des Guten und wollen ihren Kindern alles, aber auch wirkliche alles abnehmen.

Das hier wird kein Blogeintrag, bei dem es sich um meine Mutterrolle dreht. Es geht eigentlich gar nicht um mich. Zum Glück!

Es geht um die Eltern meiner Schüler aus den Klassen 5 und 7.

Gerade eben – ja, es ist Sonntag – bekam ich eine E-Mail einer Mutter. Sie ist die besorgte Mama von Angela*. (* Name von der Lehrerin frei erfunden ;-))
Angela wäre am Freitag ziemlich geärgert worden. Andere Mädchen der Klasse möchten von Angela, dass sie ein Foto bei Whats-App löscht, auf denen auch sie zu sehen sind. Angela will das aber nicht, weil sie sich selbst so hübsch darauf findet.

Aha!

Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Also strukturiere ich das mal eine wenig:

  1. WhatsApp ist für Kinder ab 13 Jahren erlaubt. Angela ist elf.
  2. WhatsApp sowie andere soziale Netzwerke, in denen sich meine Schüler aufhalten und an denen sie aktiv teilhaben, fallen nicht in meinen Tätigkeitsbereich als Klassenlehrerin, als Deutschlehrerin oder als Pädagogiklehrerin. Es ist ein „privater“ (haha) Bereich, in dem sich meine Schüler nach der Schule aufhalten.
    Es ist Eltern-Sache!
  3. Es ist Sonntag, liebe besorgte Angela-Mutter!
    Ja, keiner zwingt mich, sonntags dienstliche Mails abzurufen, aber: Es ist Sonntag! Hätte dieser „Fall“ nicht bis Montag warten können? Was soll ich heute machen? Ja, was soll ich am Sonntag gegen dieses Problem unternehmen, das mich gar nichts angeht?
  4. Nochmal zu dem Sonntag! Ist das kein Familientag?
  5. Angela sollte vermittelt bekommen, dass es zweit- oder sogar drittrangig ist, sich über soziale Netzwerke zu profilieren, „Likes“ zu bekommen oder immer auf der Suche nach dem hübschesten Foto zu sein.
    Es soll ja sogar Dinge im Leben geben, ich glaube, die nennt man „Werte“, die seien noch wichtiger als hübsch zu sein.
  6. Wenn es Mädchen aus der Klasse gibt, die nicht über WhatsApp zur Schau gestellt werden wollen und Angela auffordern, ein Foto zu löschen, auf dem sie alle zu sehen sind, dann ist das deren gutes Recht.
  7. Es gibt Streit unter Kindern. Gab es immer. Und ich wage mich jetzt mal auf dieses ganz dünne Eis der Vorahnung: Es wird auch in Zukunft immer Streit zwischen Kindern geben.
    Kinder müssen lernen, Streit (natürlich nur bis zu einem gewissen Grad) alleine zu lösen. Sie sollten ermutigt werden, eine Lösung selbst zu finden, das Gespräch mit den Mitschülerinnen suchen und sich Hilfe zu holen, WENN sie dann tatsächlich Hilfe benötigen.

Eltern (ich schere jetzt mal alle über einen Kamm) wollen auf der einen Seite alles von ihren Kindern fern halten, ihnen jeden Streit, jede Auseinandersetzung ersparen oder Probleme für sie lösen. Auf der anderen Seite wälzen Eltern heutzutage zu gerne alles auf die Schule und die Lehrer ab.
„Kümmern Sie sich bitte darum!“
„Führen Sie bitte schnellstmöglich ein Gespräch mit den Schülerinnen!“

Klar, eine E-Mail ist ja auch schnell geschrieben. Dann habe ich als besorgte Mutter ja meine Pflicht erfüllt. Mal abwarten, was die Lehrerin jetzt (am Sonntag) unternimmt. Und wehe, sie unternimmt nichts oder es dauert zu lange oder sie kann mir aufgrund einer vollen Woche keinen baldigen Gesprächstermin anbieten. 

Ein Vater ließ mir vergangene Woche über seinen Sohn ausrichten, er wünsche sich von mir jeden Freitag einen Wochenbericht, in dem ich schreibe, wie die Woche für Konstantin* (*Name von der Lehrerin frei erfunden)) gelaufen ist. Wie es ihm erging, wie er sich benommen hat und so weiter.
Aha! Ähm … Nein!

Nur gut, dass wir hier nicht bei „Wünsch dir was!“ sind.

Ein Wochenbericht? Ein Woch-en-be-richt? Ernsthaft?
Vielleicht könnte der Herr Vater zum einen selbst das Gespräch mir mir suchen, statt seinen kleinen Sekretär vorzuschicken (Was hat er sich wohl dazu überlegt? Dass ich es seinem niedlichen Sohn weniger abschlagen könne als ihm?). Oder – und jetzt hab ich eine wirklich verrückte Idee – er spricht mal mit seinem Sohn SELBST, so ganz persönlich – vielleicht am Sonntag –  ..!? Eine gute Idee, oder? Tja, was soll ich sagen, ich bin halt eine echt Pädagogin.