Nein! Hat sie nicht! Sie ist stattdessen einfach ein Kind!

Es ist tatsächlich so. Meine Tochter hat noch kein Hobby. Sie geht nicht zum Turnen, nicht zum Singen und Musizieren, nein, sie töpfert auch nicht, macht kein Kinder-Yoga und zum Ballett habe ich sie auch noch nicht geschickt.

Als sie noch nicht im Kindergarten war, sondern bei mir zu Hause und später dann im zweiten Lebensjahr von Oma und Opa betreut wurde, sind wir in einer tollen Krabbelgruppe gewesen und waren wöchentlich beim Kleinkindturnen. Das war echt schön. Es hat ihr – und sogar mir 😉 – richtig Spaß gemacht. Es machte für mich absolut Sinn, denn dadurch lernte sie andere Kinder kennen und konnte viel (von ihnen und mit ihnen) lernen.

Heute geht meine Tochter in den Kindergarten. Sie wird dort offiziell 45 Stunden pro Woche betreut (wir kommen nie auf diese hohe Stundenzahl, aber wir haben diesen „vollen“ Platz).
Wenn ich sie im Schnitt so gegen 15:30 / 16:00 Uhr abhole, wurde sie bereits ab 7:30 Uhr bespaßt, es wurde gesungen, getanzt, gestritten, gespielt, gespielt, gespielt, gegessen, geschlafen, vertragen, gerannt, Verstecken gespielt, Fangen gespielt, gebastelt, geklettert, getobt und wieder gespielt. Es war dabei sicherlich mal sehr laut, mal leise. Alles in allem, hat meine Tochter viel erlebt, wenn ich sie abhole. Fast schon ein „arbeitsreicher“ Tag, der für die kleinen Mäuse anstrengend ist. Oft frage ich mich als sehr selbstkritische Mama, ob das denn wirklich kindgerecht ist. ABER mittlerweile bekomme ich mich schnell beruhigt, wenn wieder Grübeleien aufkommen, denn meine Tochter hat Spaß in dem wirklich tollen Kindergarten und darf bis zum Nachmittag wirklich einfach nur Kind sein.
Sowohl sie als auch ich möchten nachmittags dann aber Zeit für uns haben. Kuscheln nachholen, „runterkommen“, spielen, auf den Spielplatz gehen, im Garten „rumhängen“, Abendbrot vorbereiten, den Tag ausklingen lassen.
Der Gedanke, dass ich sie gestresst um 15 Uhr abhole, nur um sie dann ins nächste Etablissement zu schleifen, macht mich ganz verrückt. Das kann es doch nicht sein, oder? Hatte sie nicht genug Action den ganzen Tag? Muss sie dann wirklich noch ein Hobby ausüben? Darf man nicht einfach mal zu Hause sein? Und das vielleicht sogar mal ganz ohne Programm?

Wir Erwachsenen haben so unglaublich viel zu tun, jagen und hetzen von Termin zu Termin – sowohl beruflich als auch privat. Wir tanzen auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig, wollen alles irgendwie unter einen Hut bringen und sind am Ende „ausgebrannt“ in einer Gesellschaft, die von Leistungsdruck nur so geprägt und unterlaufen ist. Wäre es da nicht paradox, wenn ich davon ausginge, dass mein Kind in seiner kostbaren „Freizeit“, noch ein förderliches Hobby ausübt? Am besten zweimal oder dreimal die Woche? Ja. Ich finde das verrückt. Ich finde es nicht gut!

Wenn das jetzt schon so anfängt, wo soll das bitte enden?
In meiner 5. Klasse sitzen zehn- und elfjährige Kinder, die gestresst(!) sind. Leute! Die sind zehn Jahre alt und sprechen regelmäßig mit Psychologen, weil sie den hektischen Alltag nicht bewältigen können, Schulangst entwicklen oder einfach immer müde sind und unter Kopfschmerzen leiden.
Daran sind natürlich nicht die Hobbys schuld, es ist ein Sammelsurium von Aktivitäten, die zu dem Schulkram noch hinzu kommen.
Ich muss bei diesem Thema immer wieder an ein tolles Kinderbuch von der fantastischen (und meiner liebsten Kinderbuchautorin) Kirsten Boie denken „Mittwochs darf ich spielen“ – Der Titel verrät eigentlich alles und unterstreicht meine Meinung zur Überfrachtung von Förderung und Freizeitaktivitäten bei (Klein)Kindern.

Hobbys sind toll. Ich finde Hobbys gut. Und wichtig! Aber nicht mit zwei Jahren und auch nicht mit fast drei, wenn das Kind bis zum Nachmittag im Kindergarten ist. Dann finde ich es viel wichtiger, dass ein Kind zu Hause „runterkommen“ darf, sich mal langweilt und man gemeinsam den Tag ausklingen lässt. Meine Tochter wird sicher nichts verpassen, wenn sie erst mit vier oder fünf einem – dann richtigen – Hobby nachgeht. Einem Hobby, das ihren Neigungen und Interessen entspricht.

Mal gucken, was sie für einen Sport ausüben möchte, ob sie ein Instrument erlenen oder sich anders kreativ austoben will. Ich bin gespannt darauf und freue mich darauf, sie darin zu begleiten.